Logbuch des Rezensenten: Star Trek: Strange New Worlds – Staffel 4, Episode 4: „Ein Fall von Chiaroscuro“

von charlyonthebridge

„Film Noir.“ – Energie! Und lasset die Spiele beginnen.

Freunde, mein neuer Gangster-Hut, den ich mir extra für diese Episode auf den Planeten geordert habe, sitzt fester im Sattel als Captain Pike auf seinem Captain’s Chair. Er ebnet mir stilvoll den Weg in die neueste Schwarz-Weiß-Folge von Strange New Worlds.

Ich will ehrlich mit euch sein: Ich kann mich noch erstaunlich gut an meinen ersten Schwarz-Weiß-Fernseher erinnern – und das, obwohl mein eigener Chronometer erst 28 Jahre anzeigt! ;) Wie dem auch sei: Als Verfechter einer hochtechnisierten, utopisch-bunten Zukunft konnte ich mich früher nur schwer mit den Schwarz-Weiß-Ausflügen einer gewissen Captain Janeway in der Holodeck-Matrix von Voyager anfreunden. Ich habe diese Episoden im Grunde immer abgelehnt. Und das, obwohl diese Episoden absoluten Kultstatus erreicht haben und selbst nach über 30 Jahren noch für erstklassige Cosplays auf der Star Trek Las Vegas sorgen.

Obwohl ich also nicht ganz unvoreingenommen in diese Schattenspiele starte, bin ich doch frohen Mutes – oder sollte ich lieber sagen: frohen Hutes? Ich hege die Hoffnung, dass diese Episode ganz in der Tradition der furchtlosen Experimentierfreude des SNW-Teams steht.

© Paramount+


Ein farbloser Einstieg, der sich absolut sehen lassen kann

Obwohl der Buntfarben-Kanal komplett deaktiviert ist, wirken die Enterprise und das Shuttle, das sich majestätisch von ihr löst, extrem erhaben. Was mir sofort auffällt: Hier wurde nicht einfach stumpf die Farbsättigung im Hauptprozessor runtergedreht, um künstlich „alt“ zu wirken. Optisch haben wir es hier mit feinstem Neo-Noir im High-Contrast-Look zu tun. Höchste Qualität, für die selbst ein vulkanischer Ästhet ein Augenbrauen-Zucken übrig hätte!

Zum Plot: Eine Sonde ist in klingonisches Territorium gedriftet. Una, Uhura und Dr. M’Benga machen sich mit dem graziösen Shuttle auf den Weg, um das gute Stück zu bergen, da die Enterprise in dieser Region auffallen würde wie ein Romulaner auf einer Föderations-Party. Uhura wirkt an den Konsolen leicht desorientiert – was man ihr kaum verdenken kann, denn die Farblosigkeit (erzeugt durch die infraroten Schwarzkörperspektren des Mat’aar-Sterns – versucht das bitte mal drei Räume weiter in Warp-Geschwindigkeit nachzusprechen!) ist gewöhnungsbedürftig.

Es hätte so ein entspannter Außeneinsatz werden können. Wäre da nicht ein ebenso monochromer klingonischer D7-Kampfkreuzer, der dem Shuttle plötzlich den Rückweg versperrt! Pikes Befehl lässt nicht lange auf sich warten: Ausweichmanöver und Landung auf Mat’aar 12! Gesagt, getan. Leider wird das Shuttle beim Eintritt in die Atmosphäre von den Sensoren erfasst, aber die Crew schafft immerhin eine glatte Landung in besudeltem Gebiet.

© Paramount+
Kaum auf dem Planeten aufgesetzt, synthetisiert der gute Dr. M’Benga erst einmal schicke 40er-Jahre-Klamotten. Uhura stellt zu Recht die berechtigte Frage: „Wie sehen die Bewohner dieses Planeten eigentlich aus?“ Das Umstyling läuft, aber was erblicken meine erstaunten Augen als Erstes? Einen klassischen amerikanischen Sedan aus den späten 30ern/frühen 40ern, beladen mit... klingonischen Holzkisten?! Was dieses altertümliche Erd-Fahrzeug auf Mat’aar zu suchen hat, weiß wahrscheinlich nicht mal das Datennetzwerk der Föderation, aber dem Charme der Stadt tut das keinerlei Abbruch. Der Planet soll eigentlich unter klingonischer Fuchtel stehen, doch weit und breit ist kein Klingone zu sehen... noch nicht.

Dann schlägt das Doppelgänger-Paradoxon zu: Commander Una Chin-Riley wird allen Ernstes mit einer lokalen Berühmtheit verwechselt! Eine Doppelgängerin mit Rang und Namen? Una schaltet schaltkreisschnell und spielt die Rolle einfach mit – auffallen würden die drei in ihren Gangster-Klamotten schließlich sowieso.

© Paramount+


Auf der Enterprise ahnt La’an unterdessen das Trojanische Pferd (hach, meine Wortspiele sind mal wieder voll on point!). Sie macht sich berechtigte Sorgen über die wahre Natur der Sonde. Gemeinsam mit Spock stellt sie fest: Das Ding wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit manipuliert! Pike zögert nicht lange und genehmigt die Jagd nach dem Saboteur im System.

Schatten, Verhöre und moralische Grauzonen

Gleichzeitig verhört Una eine scheinbare Verräterin, die sich lieber selbst das Licht ausbläst, als Informationen von höchster Relevanz preiszugeben. Und dann betrit ER die Bühne: Commander Kor – ein direkter Nachfahre von Kahless höchstpersönlich (Danke für die Info, Dr. M’Benga!). Kor hat eine extrem beeindruckende deutsche Synchronstimme. Mag sein, dass da im Tonstudio technisch etwas nachgeholfen wurde, aber der Auftritt sitzt wie ein gezielter Phaserschuss. Eine Frage bleibt mir allerdings im Magen liegen: Warum haben die Klingonen hier eigentlich vor der TOS-Ära schon wieder ausgeprägte Stirnwülste? Ein glasklarer Fall für die Akten von Sektion 12!

© Paramount+


Die Klingonen riegeln das Gebiet ab, führen strenge Ausweiskontrollen durch und nehmen im Eifer des Gefechts Uhura fest – ausgerechnet wegen ihres menschlichen Mitgefühls. Es folgt ein psychologisches Verhör-Duell zwischen Uhura und Kor, der mithilfe eines Gedanken-Scanners die Wahrheit im wahrsten Sinne des Wortes aus ihr herauskitzeln will.

An Bord der Enterprise ist La’an weiterhin auf der Suche nach dem Fehler in der Matrix bzw. dem Saboteur. Sie befragt die vulkanische Logik in Person: Cadet A'Sha. Diese verfolgt das Signal mit stoischer Effizienz zurück, was La’an direkt zu Scotty und Ortegas führt. Und obwohl sich herausstellt, dass Scottys genialer Einfallsreichtum mit einer improvisierten Informationsboje dafür gesorgt hat, dass der klingonische D7-Kreuzer nicht mehr unsichtbar ist, geht von genau dieser Boje ein verdammt seltsames Signal aus...

Zurück auf dem Planeten: Una und M’Benga finden heraus, dass Unas Doppelgängerin Nevette das Herz des lokalen Widerstands ist und bereits etlichen Familien zur Flucht verholfen hat. Kurz darauf entdecken sie Nevette selbst, tiefgekühlt und vor allem mausetot. Deshalb galt sie als spurlos verschwunden! Eins ist jetzt klar: Nevette hatte eine Menge gefährlicher Feinde.

© Paramount+


Und diese Feinde sind ab sofort Unas Feinde.

Uhura übersteht das Verhör überraschend gut. Mich verlässt jedoch nicht das mulmige Gefühl, dass die Klingonen sie aus rein taktischen Gründen laufen ließen und nicht, weil sie ihre „Identität bestätigt“ haben. Wie dem auch sei: Uhura berichtet M’Benga und Una, dass die Klingonen in 24 Stunden einen massiven Militärschlag planen. Ich hätte mir ehrlich gesagt gewünscht, dass M’Benga etwas mitfühlender auf die gerade erst psychologisch gefolterte Uhura reagiert, aber immerhin: Dank Uhuras neuem Ausweis stellen die Kontrollpunkte vorerst kein Hindernis mehr dar. Una schlüpft nun vollends in die Rolle der Widerstandsanführerin. Ihr darauffolgendes psychologisches Wortgefecht mit Kor ist absolut sehenswert!

Auf der Enterprise wittert La’an weiter eine Verschwörung in den eigenen Reihen. Spock hält sie für paranoid, und das Misstrauen wächst. La’an sucht das Gespräch bei Dr. Chapel und zweifelt bereits an ihrem eigenen Verstand – nur damit Christine ihr kurz darauf eiskalt gesteht, dass sie die Urheberin des modifizierten Signals und der Sonden-Manipulation ist! Chapel bittet La’an flehentlich, diese Info für sich zu behalten, da die sensiblen Daten Föderationsmitglieder in Teufels Küche bringen könnten. Und zack – befindet sich La’an mitten im tiefsten Gewissenskonflikt.

Klingonen mögen zwar ein fragwürdiges Verständnis von Ehre haben, aber die Gestalten, die es auf Nevette (und jetzt auf Una) abgesehen haben, besitzen absolut gar keine. Ein massiver EMP-Impuls später jubelt die lokale Bevölkerung! Der Weg zurück zur Enterprise ist frei, und eins steht fest: Die Klingonen haben auf Mat’aar 12 absolut nichts mehr zu suchen.

Zurück auf dem Schiff hält La’an die Wahrheit über Chapel vor Pike zurück. Der Captain spürt das natürlich mit seinen feinen Antennen, lässt sie aber gewähren und bietet ihr weiterhin seine volle Unterstützung an. Ein wahrer Führungsstil.

© Paramount+


Fazit

„Wie viele Leben man auch rettet – es ist nie genug.“

Für die allgemeine Charakterentwicklung war diese Folge sicher um einiges wichtiger, als der ein oder andere Sternenflotten-Kadett vermuten mag. Die gegensätzlichen Elemente ziehen sich hier magisch an. Dass Klingonen als Unterdrücker im Schwarz-Weiß-Look erstaunlich gut funktionieren, hat mich wirklich überrascht.

Ich hätte mir zwar gewünscht, dass man stellenweise noch etwas tiefer geschürft und das Leiden aller Beteiligten noch intensiver in den Mittelpunkt gerückt hätte, aber alles in allem trifft die Episode bei mir einen Nerv. Die Übergänge zwischen Retro-Charme und moderner Erzählweise sind so flüssig, dass ich sie zu keinem Zeitpunkt als störend empfand.

Ich bin trotz anfänglicher Bedenken absolut begeistert! Nicht, weil die Gesamthandlung uneinschätzbar gewesen wäre, sondern weil im echten Leben eben nur weniges einfach nur Schwarz oder Weiß ist – und weil Mut (und mein Hutfetisch) belohnt werden müssen!

In diesem Sinne: Live long and prosper!

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