Star Trek: Strange New Worlds – Staffel 4, Episode 8: „Verhältnismäßigkeiten“ — charlyonthebridge rezensiert
Freunde, wir feierten diese Woche 60 Jahre Star Trek – und passend dazu gab es eine neue Episode von Star Trek: Strange New Worlds. Nach Skript-Experimenten mit Musical-Format oder Puppenspiel-Komödien führt das Drehbuch von Alan B. McElroy unter der Regie von Sharon Lewis die Crew der USS Enterprise zurück zu den ethischen Wurzeln des Franchises: dem Spannungsfeld zwischen militärischem Gehorsam, persönlicher Moral und den Abgründen menschlicher Rachegelüste.
Befehlsverweigerung auf der Brücke
Wenn ein hochdekorierter Sternenflotten-Admiral uneingeladen an Bord der Enterprise beamt, während der eigentliche Captain auf einer Außenmission verweilt, schlagen auf der Brücke erfahrungsgemäß mehr Alarmglocken als bei einem drohenden Warpkern-Bruch. Genau dieses Szenario entfaltet sich, als Admiral Simon Reeger (gespielt von Terminator 2-Legende Joe Morton) das Schiff übernimmt.
Reeger übernimmt das Kommando, da Pike zusammen mit Una Chin-Riley, Dr. Christine Chapel, Uhura und A'Sha auf einer Außenmission gebunden ist. Reeger jagt ein unidentifiziertes, getarntes Raumschiff, dem das historische Vaardan-Massaker mit fünf Millionen Föderationstoten zugeschrieben wird. Er befördert Lieutenant James T. Kirk zum geschäftsführenden Ersten Offizier – eine Entscheidung, die bei Spock für spürbare logische Irritationen sorgt.
Als die Enterprise die Gammaspur des Ziels bis zum Planeten Argus II verfolgt, kreuzt ein unbeteiligter ziviler Frachter den Kurs. Reeger befiehlt ohne gesicherte Erkenntnisse den Einsatz eines trägheitslosen Torpedos zur Deaktivierung des Frachters. Kirks Bedenken hinsichtlich dieses Vorgehens werden vom Admiral barsch abgekanzelt. Die Situation rollt unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu, als Reeger vermutet, dass sich das getarnte Schiff auf der Planetenoberfläche verbirgt, und die berüchtigte General Order 24 aktiviert: die vollständige Zerstörung der bewohnten Oberfläche von Argus II inklusive aller 5.000 Zivilisten.
Immer wieder kommt es zu herausragenden Dialogen zwischen Kirk und anderen Besatzungsmitgliedern. Da Kirk intuitiv spürt, dass es hier um etwas anderes geht, stehen Moral und Kommando im direkten Konflikt mit Gespür und Intuition.
Das Höhlen-Dilemma
Der Nebenstrang auf der Planetenoberfläche, der mich immer wieder an Star Trek: First Contact erinnert, führt das Außenteam um Captain Pike in die Falle des andorianischen Waffenschmugglers Turr, eines wegen Insubordination unehrenhaft entlassenen Ex-Sternenflottenoffiziers. Turr verletzt Kadettin A'Sha mit einem giftigen Kristall, um Zugang zu Sternenflotten-Frequenzen zu erpressen. Die Handlung dient vor allem dazu, Uhura Raum für diplomatisches Verhandlungsgeschick abseits der Kommunikationskonsole zu geben, fällt jedoch im Vergleich zum Brückendrama spürbar ab.
Der „Badmiral“-Tropus und das Traumaspektrum
Admiral Simon Reeger reiht sich nahtlos in die Historie fehlgeleiteter Sternenflotten-Admiräle ein. Seine narrative Funktion entspricht der von Captain Benjamin Maxwell aus der Star Trek: The Next Generation-Episode „Der Rachefeldzug“ (The Wounded): Ein ehemaliger Kriegsheld, dessen Urteilskraft durch unbewältigte Verluste im Krieg vollkommen zersetzt wurde. Joe Mortons Darstellung verleiht der Figur eine Intensität, die an klassische Militär-Gerichtsdramen erinnert. Das Motiv des blinden Gehorsams („Nur Befehle befolgen“) wird eindringlich hinterfragt – mich hat es immer wieder an Eine Frage der Ehre erinnert und ich wartete beim Schauen heimlich auf den Satz: „Sie können die Wahrheit doch gar nicht ertragen!“
Kirks Antizipation des Kobayashi-Maru-Tests
Für James T. Kirk markiert das Geschehen einen Wendepunkt auf seinem Weg zum Kommandosessel. Die Weigerung, ein Ausweglos-Szenario zu akzeptieren, nimmt seine spätere Lösung des Kobayashi-Maru-Tests vorweg. Anstatt sich zwischen der Vernichtung eines Planeten und einer meutereibedingten Hinrichtung zu entscheiden, verändert er durch die technische Modifikation der Phaser-Verteiler die Spielregeln der gesamten Situation.
Kritisch zu bewerten ist das Verhalten von Dr. M'Benga. Durch sein langes Schweigen über Reegers neurologische Vorerkrankungen und dessen emotionale Befangenheit macht sich der Schiffsarzt mitschuldig an der Eskalation. Diese Verzögerung verdeutlicht die Gefahr, die entsteht, wenn Respekt vor Dienstgraden die medizinische Notwendigkeit überlagert.
Fazit
Alles in allem gebe ich dieser Episode 7/10 Punkten. Leider ist die gesamte Episode in der ersten Hälfte aus meiner Sicht in den Dialogen etwas zu aufgesetzt – was aber auch an meiner Wahrnehmung liegen könnte, da wir mit dieser Folge wieder Star Trek in Reinform erhalten und die Charaktere so erwachsen und nahbar wie in den ersten zwei Staffeln dargestellt werden.
Mit dieser Folge trifft Star Trek: First Contact auf SNW und ist durch die starke filmische Entwicklung und Inszenierung ein echtes optisches Highlight im Wechsel zwischen Schiff und Planetenoberfläche. Die Kameraführung ist durchweg herausragend. Auch wenn ich mir an manchen Stellen noch etwas mehr erwartet hätte und einige Entscheidungen einzelner Charaktere kritisch hinterfragen möchte, bleibt diese Episode eine der stärksten der Staffel. Leider kommt diese Form viel zu spät.
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