Star Trek: Strange New Worlds – Staffel 4, Episode 7: „Wie Chronitonen durch das Stundenglas“ — charlyonthebridge rezensiert
Logbuch des Rezensenten
Wieder einmal genehmige ich mir an einem lauen Spätsommerabend einen lebensbejahenden Mandelmilch-Kaffee, der mir so eiskalt entgegenschlägt wie der drohende Winter der Isolation. Sollte diese Episode tatsächlich so frostig werden wie mein über alles erhabenes Gebräu oder bekommt der geneigte Zuschauer nach dem letzten, unanfechtbaren Höhepunkt der Staffel direkt den nächsten dramatischen Hammer präsentiert? Ich sage es euch… nach der Werbung!
Aus dem Logbuch des Dramas: Willkommen in der Seifenoper
Diese neue Episode entführt die Besatzung der USS Enterprise in die übersteigerte, formelhafte Welt der klassischen Nachmittags-Soap-Opera. Der Vorhang hebt sich auf der Krankenstation: Captain Christopher Pike blickt mit einer Kopfverletzung ungläubig in die Kamera, während er versucht, das Unbegreifliche zu fassen. Dr. M’Benga eröffnet ihm mit schauspielerischem Pathos, dass Pike einen furchtbaren Shuttle-Unfall erlitten habe und nun an kosmischer Amnesie leide. Pike wittert sofort die Anomalie, durchbricht beinahe die vierte Wand und fragt entgeistert in den Raum: „Oh, sind wir wieder in einem Musical?“, nur um mit Worten zu schließen, die mir tief aus dem treuen Herzen sprechen: GOTT SEI DANK NICHT!
Alles wirkt genauso, wie man sich eine herrlich verunglückte, überdramatische Soap-Opera ausmalt: ein paar Lumen zu hell, spürbar zu blurry, und in jedem Satz liegt das maßlos überzogene Verlangen, selbst die banalste Nebensache emotional zu zerfleischen.
Wie sollte es anders sein: Spock trifft das grausamste Schicksal dieser Erzählung. Sein vulkanisches Herz schlägt fehl! Christine Chapel musste… sie musste… eine dramatische Kunstpause später Spock ins Koma versetzen. Eine Organtransplantation ist unausweichlich!
Während Pike versucht, per Computer-Scan der Realität auf die Spur zu kommen, stolziert Doctor Eleanor Chivers durch die Tür, verkörpert von Soap-Ikone Deidre Hall. Sie trifft in ihrer ersten Szene eine skurrile Wahl als Schauspielerin: Beim Reinlaufen blickt sie nach links zu Pike, nur um unvermittelt nach rechts zu schauen, und zwar so, als stünde dort noch jemand… vermutlich das verdutzte Produktionsteam.
Sie will Pike zwingend erforderlichen Psycho-Tests unterziehen, um seine Fachtauglichkeit zu prüfen, doch genau in diesem Moment offenbart sich der wahre Strippenzieher: Trelane (aka Q)! Als schauspielender Regisseur dieser absurden Truman Show schnippst er uns direkt in den Vorspann.
Enthüllungen, Blicke hinter die Kulissen und ein vulkanischer Casanova
Danach folgt das heimliche Fest für Detailverliebte: Uhura stürmt auf die Krankenstation zu Christine Chapel (bekanntlich gespielt von Jess Bush). Wer genau hinsieht, bemerkt in Chapels Mikro- und Makromimik, wie sehr sie darum kämpft, sich das Lachen zu verkneifen. Die Absurdität der Szene lässt sich kaum kaschieren! Chapel enthüllt Uhura, dass ihr DNA-Test etwas Erstaunliches ergeben hat – doch dazu später mehr.
Jetzt das tatsächliche Highlight der Folge: La’an Noonien-Singh kehrt per Shuttle von einer gefahrvollen Extraktionsmission zurück, um den potenziellen Organspender zu enthüllen: Es ist Spocks abtrünniger Halbbruder Sybok! Dargestellt von Ethan Peck mit langen, harten Haaren als vulkanischer Casanova. Als ich diesen Look nach der Enthüllung erblickte, lag ich lachend am Boden – ein Anblick für die galaktischen Geschichtsbücher! Sybok erfreut sich sichtlich an dem inszenierten Ausbruch. Doch trotz Syboks Manipulationsversuchen, den Kurs zu ändern, und all seinen zynischen Einwänden weigert sich La’an standhaft, Spock aufzugeben oder mit Sybok zu fliehen. Spocks logisches Herz macht ihn für sie schlicht zu einem der edelsten Wesen des Universums.
Derweil gesteht Uhura dem völlig überforderten Captain, dass sie seine Tochter sei. Spätestens ab diesem Punkt kann niemand mehr das Geschehen ernst nehmen. Pike dämmert es: Hinter dieser Inszenierung kann ausschließlich Trelane stecken, der bereits in Staffel 3 in „Hochzeitsblues“ (Wedding Bell Blues) sein Unwesen trieb. Schnipps! Da steht das Wesen vor ihm und erklärt, er müsse ein „Körper-Reinigungs-Theater“ inszenieren.
Dabei spricht die Episode einen erstaunlich tiefen Punkt an: Sternenflotten-Offiziere unterliegen extremen emotionalen Belastungen und Traumata – müssen diese nicht auch aufgearbeitet werden? (Wer fühlt sich hier bitte nicht an die Academy erinnert?) Pike will vor dieser Seelenprüfung verständlicherweise wegrennen. Doch die eigentliche Tragweite dämmert uns erst langsam. „Weltraumabenteuer lassen nur wenig Zeit für innere Konflikte“, sagte einst ein weises Wesen. Schritt für Schritt begreift Pike und wir mit ihm, dass hinter dem Schandmantel der absurden Inszenierung ein tiefgründiger Kern liegt, der Aufarbeitung verlangt. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen: Der Zuschauer ist Pike. Wir werden in ein Szenario geworfen, das wir erst ablehnen, bis die Erkenntnis einsetzt: Verdammt, hier geht es um sehr viel mehr.
Der Wendepunkt: Echte Emotionen und das Q-Kontinuum
Pike kümmert sich nun um Uhura und die Aufarbeitung ihres Traumas, und der Ton wandelt sich ins Existenzielle. M’Benga leidet am Weltraumwahnsinn im wahrsten Sinne. Er hat zu viel gesehen, zu viel erlebt. Die spürbare Konsequenz: Er wird die Sternenflotte am Ende verlassen müssen. Auch Ortegas ist von den traumatischen Ereignissen mit den Gorn immer noch emotional gezeichnet.
Uhura bereitet derweil mit Pike eine Vater-Tochter-Mahlzeit zu, doch als Pike an sein eigenes Trauma erinnert wird, ergreift er erneut die Flucht. Währenddessen läuft auf der Krankenstation die Operation: Nach einem verlorenen Kal-Toh-Spiel muss Sybok nun sein Herz an Spock abtreten. Schließlich trifft Pike auf seine (fast) echte Tochter Juliet – eine Gestalt aus Erinnerungen, die vielleicht nie passierten, und dennoch steht sie vor ihm. Dann folgt dieser goldene Satz von Juliet: „Nur weil es nicht wirklich passiert ist, heißt es nicht, dass es nicht echt war.“
Über all dem schwebend bekommen wir Anson Mounts absolute Best Acting Class 2026 geboten. Das Q-Kontinuum realisiert, dass die Menschheit eine ungleich komplexere Spezies ist als gedacht. Man gibt sich für die Zukunft gnädig, und der mephistophelische Bann der Episode scheint gebrochen. Die Realisierung der Crew, dass vieles nie real passiert ist, sorgt sicherlich auch bei vielen Fans für Erleichterung. Und dann schlägt er ein: der Moment der Serie! Anson Mount beweist einmal mehr, welche emotionale Tiefe er abrufen kann. Wenn ab jetzt irgendwer behauptet, Mount sei als Schauspieler überschätzt, werde ich ihm genau diese Szene ins Gedächtnis rufen, in der er als Pike seinem aufgestauten Trauma freien Lauf lässt. Unfassbar stark.
(Ach ja: Schaut unbedingt bis ganz zum Ende! )
Melodramatisches Meta-Fazit
Bewertung: 7 / 10 Sternen
Vielen wird die philosophische Tragweite dieser Folge nach dem ersten Schauen sicher entgehen, so wie mir zunächst auch. Dennoch erkenne ich die Genialität, den Witz und den Charme vollkommen an. Gerade weil sie thematisch meine Lieblingsfolge aus Staffel 3 aufgreift, will und kann ich sie nicht schlechtreden.
Dennoch drängt sich eine Meta-Kritik auf, die ich mir eigentlich fürs Staffelfinale aufsparen wollte:
Ja, Star Trek: Strange New Worlds hat sich auf die Fahne geschrieben, mit allen Genres der Filmwelt zu experimentieren, und gerade im Kontext mit Trelane/Q passt dies natürlich wie die Faust aufs Auge. Und ja, die Verantwortlichen haben bewiesen: Sie können es! Es führt zu annehmbaren, manchmal spektakulären Folgen. Doch durch das ständige Vermischen von Classic Trek mit fremden Genres kommt es aus meiner Sicht zu einer Verfälschung der Charaktere und einer Verwässerung der Storyline, sofern es überhaupt eine konsistente Storyline gibt!
Da die Schauspieler ihre Figuren ständig an den Drahtseilakt fremder Genre-Gefilde anpassen müssen, bekommen wir oft halbgare Charakterentwicklungen, die nicht wirksam fortgeführt werden können, weil sie sich der jeweiligen Inszenierung unterordnen müssen.
Es ist eine Sache, Mut zu beweisen und der Welt zu zeigen: „Wir können das, weil wir es draufhaben und es Spaß macht.“ Eine ganz andere ist es zu erkennen, wann zu viel einfach zu viel ist. Wer 30 Episoden pro Staffel hat, darf gerne 10 Folgen experimentieren. Wer aber nur 10 Episoden zur Verfügung hat, muss sich fragen, ob das dem narrativen Bogen gerecht wird. Wo Großes möglich wäre, versteckt man sich hinter Verkettungen fremder Genres, was ein klares Alleinstellungsmerkmal und eine eigenständige Vision als Vorläufer zu TOS erschwert.
„The trial never ends.“ – Q
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