Außenmission – Sterne im Karton
Persönliches Logbuch. Freitag, 9. Oktober 2026.
Ein regnerischer Tag. Einer jener Tage, an denen das Bett ein durchaus vernünftiger Aufenthaltsort gewesen wäre. Oder ein Karton … groß genug, um sich für eine Weile vor dem grauen Alltag zu verbergen.
Wir hatten uns für eine andere Möglichkeit entschieden.
Unser Ziel war Kiel. Die Buchhandlung Almut Schmidt. Dort sollte anlässlich des sechzigsten Jubiläums von Star Trek das Solo-Theaterstück Sterne im Karton aufgeführt werden. Von und mit Benjamin Stöwe.
Ich wusste kaum, was mich erwartete. Aber ich hatte Benjamin schon mehrfach in Aktion erlebt. Grund genug, dieser Ungewissheit mit Vorfreude zu begegnen.
Die Karten hatte ich im Vorfeld über Björn Sülter reserviert. Zwei Plätze. Eine scheinbar einfache Angelegenheit … wäre in den sozialen Medien nicht schon recht früh von einer ausverkauften Veranstaltung die Rede gewesen.
Also fragte ich nach. Über WhatsApp.
Und noch einmal.
Vielleicht auch einmal zu viel.
Ich vermute, dass ich ein wenig genervt habe. Aber zwei Stunden Anfahrt verleihen einer Reservierungsbestätigung eine gewisse Bedeutung.
Zumal mein Mann nach eigener Aussage kein Star-Trek-Fan ist. Eine bemerkenswerte Selbsteinschätzung für jemanden, der Trelane in Strange New Worlds auf Anhieb erkannt hat.
Eine vergebliche Fahrt hätte ich vermutlich noch lange erklären müssen.
Nun saßen wir im Auto. Innen gemütliche 23 Grad. Draußen Regen. Die Scheibenwischer arbeiteten mit einer Entschlossenheit, die ich an diesem Tag durchaus zu schätzen wusste.
„Bist du schon aufgeregt?“, fragte er. „Freust du dich?“
Ja. Beides.
Was ich nicht sagte, war: „Und was ist mit dir?“
Vier Stunden Autofahrt. Ein Theaterstück über ein Thema, das vor allem mich begeistert. Ein Abend, den du möglicherweise aus Liebe zu mir auf dich nimmst.
Ich fragte mich, wie ich das wieder gutmachen könnte.
Die Fahrt verlief ohne besondere Zwischenfälle. Wir unterhielten uns über dies und das, bis er die naheliegende Frage stellte:
„Worum geht es in dem Stück eigentlich?“
„Um Gene Roddenberry“, antwortete ich. „Und um Star Trek.“
Viel mehr konnte ich ihm nicht anbieten. Die Kartonanekdote kannte ich bereits. Alles Weitere hatte ich bewusst vermieden. Ich wollte mich überraschen lassen.
„Mhm. Aha.“
Eine kurze Antwort. Mit ausreichend Raum für Vermutungen.
Vielleicht dachte er, dass ein Rückzieher inzwischen ohnehin wenig sinnvoll wäre. Vielleicht betrachtete er einfach nur die Straße.
Ich war zufrieden. Und dankbar, dass er neben mir saß.
Baustellen und zähflüssiger Verkehr begleiteten unseren Weg. Wir hatten jedoch genügend Zeit eingeplant. Vor der Veranstaltung wollten wir noch eine Kleinigkeit essen. Oder wenigstens einen Kaffee trinken.
Gegen 18 Uhr erreichten wir unser Ziel. Eine Stunde vor dem angekündigten Beginn.
Und wir fanden sofort einen Parkplatz.
Damit war die größte Sorge meines Mannes bereits erledigt. Meine Karten waren reserviert. Unser Auto war abgestellt. Die Mission entwickelte sich vielversprechend.
Vor der Buchhandlung trafen wir auf die ersten Besucher. Auch sie waren wegen Sterne im Karton gekommen.
Mein Mann hatte inzwischen ein anderes Ziel: eine Toilette.
Die Türen waren für den Einlass allerdings noch geschlossen. Gegen 18:30 Uhr, sagte man uns, würden wir hineinkönnen.
Eine halbe Stunde.
Für sich genommen keine lange Zeit. Nach siebzehn Jahren Beziehung und vierzehn Jahren Ehe weiß ich jedoch, dass Zeit eine ausgesprochen dehnbare Größe werden kann, sobald mein Mann auf eine Toilette wartet.
Er besitzt eine bemerkenswert belastbare Blase. Vermutlich hätte er sogar die Rückfahrt überstanden. Aber ich kannte auch die mögliche Entwicklung seiner Laune.
Und ich wollte nicht, dass dieser Abend später auf einen einzigen Satz reduziert würde:
„Ich musste aufs Klo und konnte nicht. Nur weil ich mit dir da hingefahren bin.“
Wir beschlossen daher, unseren ursprünglichen Plan wieder aufzunehmen. Einen Kaffee suchen. Vielleicht etwas essen. Vor allem eine Toilette finden.
In unmittelbarer Nähe fanden wir nichts Geöffnetes.
Damit hatte ich nicht gerechnet.
Also liefen wir ein wenig durch die Gegend. Bewegung als Zwischenlösung. Dann begann es wieder zu regnen.
Ich sah meinen Mann an und dachte: Jetzt wird es schwierig.
Aber die befürchtete Stimmungsänderung blieb aus.
Wir kehrten zur Buchhandlung zurück. Inzwischen warteten dort ungefähr zwanzig Menschen. Wenig später öffnete sich die Tür.
Ich holte unsere Karten ab. Mein Mann fand die Toilette.
Manchmal sind es sehr überschaubare Dinge, die einen Abend retten.
Björn Sülter war mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt. Wir hatten ihn zuvor schon gelegentlich vorbeilaufen sehen. Nun begrüßte er die Gäste, und auch wir fanden Zeit für ein kleines Gespräch.
Keine großen Themen. Keine tiefgründigen Betrachtungen. Einfach ein freundlicher Austausch.
Trotzdem war es angenehm, sich einmal persönlich gegenüberzustehen. Eine Begegnung hat eine andere Wärme als eine Nachricht auf dem Display.
Dann erfuhren wir, dass Benjamin Stöwe noch unterwegs war.
Mit der Deutschen Bahn.
Ein Raunen ging durch den Raum.
Eine kurze Information … die offenbar keiner weiteren Erklärung bedurfte. Ich musste lachen. Und fand es gleichzeitig ein wenig traurig.
Wir warteten.
Aber es war eine angenehme Wartezeit. Unter Gleichgesinnten entstehen Gespräche meist ohne große Anstrengung. Ein Satz genügt. Eine Bemerkung. Eine gemeinsame Erinnerung.
Bald fühlte es sich beinahe wie ein TrekDinner an.
Wir plauderten, vertraten uns die Beine und sahen uns zwischen den Bücherregalen um. Auch Björns Präsentationstisch bot Gelegenheit, nach dem einen oder anderen Schatz Ausschau zu halten.
Er selbst behielt sein Handy im Blick. Neue Meldungen über Benjamins Standort wurden regelmäßig weitergegeben.
Er kam näher.
Die Verzögerung betrug ungefähr zwanzig Minuten. Nach zwei Stunden im Auto war das für mich kein Problem. Ich hatte Zeit, anzukommen. Auch gedanklich.
Den Auftakt machte Hauke Harder, einer der Inhaber der Buchhandlung.
Ein freundlicher, authentischer Mensch. Einer, bei dem ich den Eindruck hatte, dass er seinen Beruf mit Leib und Seele ausübt. Die Buchhandlung passte zu ihm. Oder er zu ihr. Wahrscheinlich beides.
Anschließend übernahm Björn Sülter.
Er erzählte von seinem Zugang zu Star Trek, von seiner „rebellischen Jugend“ und seinem weiteren Weg. Unterhaltsam. Persönlich. Mit Geschichten, die manche vielleicht schon aus Interviews kannten.
Ich hörte gerne zu.
Und dann kam Benjamin Stöwe.
Der Star des Abends … der beim Hereinkommen eher den Eindruck vermittelte, als sei gerade ein weiterer Fan in die Buchhandlung gekommen.
Unkompliziert. Nahbar. Einer von uns.
Die Reaktionen im Raum machten trotzdem deutlich, auf wen alle gewartet hatten. Gesichter hellten sich auf. Blicke wurden aufmerksam. Die Freude war kaum zu übersehen.
Auch bei mir.
Er entschuldigte sich für die Verspätung und bat um fünf Minuten für seine Vorbereitung.
Dann waren wir so weit.
Das Roddenberry-Telefon klingelte. Manche dürften es aus dem 1701-Museum in Eberswalde gekannt haben.
Die Gespräche verstummten.
Es folgten die Begrüßung und eine kurze Einführung. Vor uns lagen 45 Minuten.
Mein Mann drehte sich zu mir.
„Vier Stunden Autofahrt für 45 Minuten.“
Er sagte es leise. Mit einer sorgfältig aufgesetzten bösen Miene.
Ich sah ihn an. Offenbar war mein schlechtes Gewissen deutlicher zu erkennen, als mir lieb gewesen wäre. Denn sein Blick hielt nicht lange stand.
Er musste grinsen, griff nach meiner Hand und sagte:
„Alles gut. War nur Spaß.“
Dann begann das Stück.
Über seinen Inhalt möchte ich nicht zu viel erzählen. Wer selbst in diesen Karton steigen möchte, sollte die Gelegenheit haben, ihn auf eigene Weise zu entdecken.
Ich kann nur beschreiben, was ich dabei empfand.
Die ersten Zeilen klangen ungewohnt. Und zugleich vertraut.
War es die Stimme? Jene Stimme, die ich vor allem mit Hugh Culber aus Star Trek: Discovery verbinde?
Oder war es der Sprechrhythmus? Etwas, das ich wiederzuerkennen glaubte, ohne es gleich einordnen zu können?
Ich wusste es zunächst nicht.
Ich hörte zu.
Und dann … fiel ich selbst in den Karton.
Das Stück bestand aus anekdotischen Fetzen. Erinnerungen, Begebenheiten und kleine Stationen, von denen viele Fans sicherlich schon einmal gehört hatten.
Benjamin Stöwe hatte sie liebevoll zu einem Flickenteppich verarbeitet.
Einem, den ich für meinen Teil gerne mit in meinen Karton genommen hätte, um mich darin einzukuscheln.
Bekannte Geschichten gewannen durch seine Darstellung eine neue Lebendigkeit. Man hörte sie nicht einfach nur. Man konnte für einen Moment darin verweilen.
Gedanklich wurde man in diesem Karton hin- und hergeschoben. Von einer Station zur nächsten. Durch Zweifel, Ideen und jene Augenblicke, aus denen schließlich unsere vertraute Zukunft entstand.
Benjamin Stöwes schauspielerische Leistung war für mich grandios.
Ich habe ihm alles abgekauft.
Die Aufmerksamkeit im Raum, die Gesichter und die Reaktionen ließen mich vermuten, dass es anderen ähnlich ging.
Und dann war es vorbei.
So schnell?
45 Minuten waren vergangen.
Ich saß da und dachte: Das muss ich erst einmal sacken lassen.
Aber dafür war noch keine Zeit.
Im Anschluss konnte man mit Benjamin und Björn sprechen. Und das wollte man natürlich auch.
Während sich die anderen Gäste mit den beiden austauschten, unterhielt ich mich mit weiteren Fans. Über das Ende und die Zukunft von Star Trek. Darüber, was uns beschäftigt. Und was noch vor uns liegen könnte.
Gedanken wurden ausgetauscht. Erinnerungen. Hoffnungen.
Auch ich fand Gelegenheit, mit Benjamin und Björn zu sprechen, und ließ mir von beiden ein Autogramm geben.
Man lernte Menschen kennen, mit denen man kurz zuvor noch keinen einzigen Satz gewechselt hatte. Und verabschiedete sich schließlich, als wäre man einander schon etwas länger vertraut.
Dann verließen wir diese kleine, gemütliche Buchhandlung.
Unser Auto stand ganz in der Nähe. Der Regen nutzte die wenigen Meter trotzdem gründlich aus.
Der Schirm lag im Wagen.
Wo auch sonst.
Aber wir sind ja nicht aus Zucker.
Ich stellte das Navi auf Zuhause. Volle Kraft voraus.
Mit meinen Fragen wartete ich zunächst. Mein Mann konzentrierte sich auf den Weg aus Kiel. Ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, wann ein Gespräch willkommen ist … und wann eine Richtungsanzeige seine gesamte Aufmerksamkeit benötigt.
Trotzdem verpassten wir eine Auffahrt.
Ich sagte behutsam, dass es nicht schlimm sei. Uns hetzte niemand.
Der zweite Anlauf gelang.
Als wir schließlich auf der Autobahn waren, stellte ich die Frage, die mich schon eine Weile beschäftigte:
„Und? War es schlimm für dich? Oder konntest du es ertragen?“
„Überhaupt nicht schlimm, ganz im Gegenteil.“
Damit hatte ich in dieser Eindeutigkeit nicht gerechnet.
„Ich war schon zufrieden, als ich eine Toilette gefunden hatte“, ergänzte er scherzhaft.
Ich bedankte mich dafür, dass er solche Dinge mit mir unternimmt. Dass er Zeit dafür aufbringt, obwohl Star Trek eigentlich nicht sein Thema ist.
Er schaute mich an und lächelte.
Mehr brauchte es nicht.
Dann fragte er:
„Wer war eigentlich Lucille Ball?“
Und plötzlich hatte der Abend eine Fortsetzung.
Ich erzählte ihm von Lucille Ball und Desi Arnaz. Von I Love Lucy. Und davon, wie die beiden mit ihrer auf Film aufgezeichneten Serien den Weg für jene Wiederholungen bereitet hatten, die heute selbstverständlich zum Fernsehen gehören.
Von ihrer Ehe und deren Ende. Von Desilu und dem späteren Verkauf an Gulf + Western, den damaligen Mutterkonzern von Paramount.
Ich erzählte ihm von Gene Roddenberry. Von seiner Begeisterung für Science-Fiction, Sherlock Holmes und Horatio Hornblower – und davon, wie literarische Vorbilder in die Figuren und Geschichten von Star Trek eingeflossen waren.
Und natürlich erzählte ich ihm von dem Karton.
Die Straße lag vor uns. Dunkel. Regennass. Zwei Stunden bis nach Hause.
Aber die Zeit fühlte sich anders an als auf dem Hinweg.
Ich hatte gehofft, einen schönen Theaterabend zu erleben.
Und genau den hatte ich erlebt. Mehr noch … er begleitete uns weiter.
Nun saßen wir im Auto, und ich erzählte ihm von den Menschen, Geschichten und Ideen, aus denen etwas entstanden war, das mich seit so vielen Jahren begleitet.
Mein Mann hörte zu. Fragte nach.
Und ich erzählte.
Sterne im Karton ist für mich ein Geheimtipp. Unterhaltsam, anspruchsvoll und berührend. Ein Stück, das zum Nachdenken anregt – und dessen Wirkung mit dem letzten gesprochenen Satz noch lange nicht endet.
Wer die Gelegenheit hat, sollte es sich ansehen.
Vier Stunden Autofahrt. Für 45 Minuten Theater.
Und ein Gespräch, das uns nach Hause begleitete.

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