Rezension: Star Trek: Starfleet Academy – Folge 6: „Come, Let’s Away“
von charlyonthebridge:
Ein wunderschöner neuer Donnerstag hat uns mal wieder eine neue Folge Star Trek: Starfleet Academy beschert. Die sechste Episode trägt den Titel „Come, Let’s Away“ und beginnt mit einer Brise Romantik, die so leicht und verheißungsvoll weht, als stünde der Valentinstag selbst im 32. Jahrhundert unmittelbar vor der Tür.
Von Holzbänken und interstellarem Herzklopfen
Tarima und Caleb – oder sollte ich, ganz im Fieber des „Shippings“, lieber Tarimleb oder Carima schreiben? – sitzen verliebt und leidenschaftlich küssend auf einer Holzbank. Wie ihr wisst, hege ich eine tiefe Zuneigung zu Holzbänken, besonders wenn sie durch ihre schlichte Präsenz im hochtechnisierten 32. Jahrhundert eine derart cineastische Würdigung erfahren. Während ich das sehe, lausche ich musikalischen Klängen, die mich wohlig an Life Is Strange erinnern, nur um in der nächsten Szene eine – für Star Trek-Verhältnisse – bemerkenswert explizite Darstellung des Beischlafs zu erleben. Da solche Momente im Franchise wahrlich rar gesät sind, bin ich froh, dass sie hier nicht plump, sondern feinfühlig und einer modernen Young-Adult-Serie würdig inszeniert wurden.
Doch trotz des angenehmen Dahinplätscherns schlich sich anfangs das ungute Gefühl ein, dies könne die schwächste Episode der Staffel werden. Nach der starken letzten Woche war meine Erwartungshaltung groß: Die Serie muss jetzt „anziehen“ – was in diesem (schlafzimmertauglichen) Kontext fast schon ironisch klingen mag.
Ein Meer aus Hortensien und mentalen Abgründen
Doch – und das ist ein großes DOCH – es sollte alles anders kommen. Während wir zwischen Tür und Angel (bzw. zwischen Bett und Holoemitter) erfahren, dass Deltaner anscheinend ganz besondere „Vorlieben“ pflegen, finden wir uns plötzlich in einem traumhaften Szenario wieder. Farblich ist alles in ein sattes Orange-Gelb getaucht, ein Ton, der sich bei mir normalerweise nur einstellt, wenn ich meine Blaulichtfilterbrille aufsetze.
Hier dient die Optik jedoch nicht der Augenschonung, sondern visualisiert die unkontrollierbaren geistigen Fähigkeiten der Betazoidin Tarima. Während ich in meiner eigenen Rhetorik schwelge und Caleb und Tarima in einem Meer aus Hortensien beobachte, wird mir schlagartig bewusst, mit welch sympathischer Leichtigkeit Zoë Steiner durch jede Szene fliegt. Sie sticht schauspielerisch heraus wie in Gold gepresstes Latinum im Delta-Quadranten. Doch die Idylle trügt: Tarima schwirrt in Calebs Kopf herum, und da es dort mehr Traumata gibt als Drohnen auf einem Borg-Kubus, kippt die Stimmung. Caleb empfindet Übergriffigkeit, Tarima fühlt sich in ihrem Wesen unverstanden.
Die Rückkehr der USS Athena und das Spiel mit dem Licht
Dann sehen wir sie endlich: die anmutige USS Athena. Sie ist wieder im Einsatz, draußen im All – und ich denke mir: Das ist es, was ich brauche! Die Kadetten werden von Nala Ake auf ihre Trainingsmission vorbereitet. Dabei fällt mir erneut auf, wie weise und künstlerisch wertvoll die Lens Flares eingesetzt werden. Sie wirken wie das i-Tüpfelchen auf dem visuellen Design, modern und tief, ohne – wie bei J. J. Abrams – willkürlich einen futuristischen Look erzwingen zu wollen.
Das Ziel: ein Schiffsfriedhof. Auf dem Wrack der USS Miyazaki sollen die Kadetten der Sternenflotte und des Kriegs-Colleges unter Beweis stellen, dass sie auch unter extremem Druck einen kühlen Kopf bewahren. Die Miyazaki, einst ein stolzes Schiff mit experimentellem Antrieb, dient nur noch als Übungsplatz, nachdem die damalige Besatzung bei einem Testlauf tragisch ums Leben kam. Während ein Teil der Crew auf der Athena bleibt, begibt sich der Rest auf eine Außenmission unter Echtbedingungen.
Charmant: Einige Kadetten nennen den Comic „Geschichten aus unendlichen Weiten“ als Inspiration – Popkultur und Fandom gehören im 32. Jahrhundert eben dazu wie der Blutwein zu den Klingonen. Doch mich beschleicht das Gefühl, dass nicht alle Kadetten unbeschadet aus dieser Sache herauskommen werden. Und ich sollte nicht enttäuscht werden.
Wenn Furien zum Essen laden
Auf dem Wrack angekommen, vollbringt Caleb ein kleines Wunder: Mit programmierbarer Materie stellt er die Lebenserhaltung in nur zwei Minuten wieder her. Eine Grauzone, aber effektiv. Doch dann ändert sich sprichwörtlich der Ton. Seltsame Messwerte deuten auf Mensch-Alien-Hybride hin (sind wir das nicht alle?). Sie bezeichnen sich als Furien. Ein Gänsehaut-Schauer durchdringt mich, als diese Wesen auf den Schirmen erscheinen. Zehn von ihnen entern die Miyazaki und bedrohen die Kadetten. Da die Furien keine Unbekannten sind, weiß man: Es gibt bessere Widersacher als jene, die einen sprichwörtlich aufessen wollen (wo bleiben die Borg, wenn man sie mal braucht?). Rausbeamen? Unmöglich. Transporterblocker – diese Füchse haben an alles gedacht.
| Foto: Paramount+ |
Die Anspannung auf der Brücke der Athena ist fast physisch greifbar, besonders im Gesicht der Oscar-Preisträgerin Holly Hunter. Nala Ake weiß, dass eine direkte Konfrontation Tote fordern würde. Sie muss Admiral Vances Angebot, Schiffe zu schicken, ablehnen. Doch Vance hat einen anderen Vorschlag, und ich frage mich: Steckt der Admiral tiefer mit drin als der Neuro-Inhibitor in Tarimas Hals? Er schlägt vor, Nus Braka um Hilfe zu bitten. Den Feind meiner Feinde als Freund an Bord zu laden, widerstrebt jedem Instinkt, scheint aber die einzige Option.
Das Duell der Giganten: Holly Hunter vs. Paul Giamatti
Währenddessen kommt es auf der Miyazaki zu einem Fluchtversuch mittels einer handfesten Schlägerei zwischen Kadetten und Kannibalen. Leider muss sich ein „Redshirt“ opfern. Hier hätte die Inszenierung für meinen Geschmack noch epischer sein dürfen; der Tod wirkte fast ein wenig zu plump. Die Überlebenden flüchten auf die Brücke und versuchen, den Bordcomputer zu reaktivieren. Gerade noch rechtzeitig hackt sich S.A.M. ins System und erweckt die Miyazaki nach 100 Jahren zum Leben. Getreu dem Motto: Always good to have a Holo on board! Die Grausamkeit der Furien zeigt sich, als sie den „angenagten“ Kadetten aus der Luftschleuse befördern – ein Schockmoment, auch wenn nicht jeder Schauspieler den Schrecken so glaubwürdig transportieren konnte, wie es die Szene verdient hätte.
| Foto: Paramount+ |
Und dann: sein Auftritt. Oscar-Preisträger und Star Trek-Fan auf Lebenszeit Paul Giamatti gibt sich als Nus Braka die Ehre. Zusammen mit Holly Hunter zündet er ein schauspielerisches Feuerwerk. Nala Ake hasst Braka – das sieht man in jeder Pore. Braka bietet eine Waffe gegen die Furien an (die empfindlich auf Schall reagieren), doch das Ganze riecht meilenweit nach einem Hinterhalt. Er ist Händler, ein Geschäftsmann ohne Skrupel. Seine Forderung: Die Sternenflotte soll die Versorgung von Taygeta 1 mit Dilithium einstellen.
Das psychologische Ping-Pong-Match zwischen Holly Hunter und Paul Giamatti ist Fernsehen auf allerhöchstem Niveau. Der blanke Wahnsinn in Brakas Gesicht und die unterdrückte Wut Nala Akes verleihen der Serie eine Ernsthaftigkeit, die ich in anderen Folgen fast vermisst hätte.
Das bittere Ende und die Entfesselung
Während die USS Sargasso die Schallwaffe von der Basis J-19-Alpha herbeischafft, muss Tarima per Gedankenübertragung Anweisungen an Caleb geben – unterstützt durch den Doc, der ihre Kräfte mittels Technik im Zaum hält.
Dann folgt die wirklich episch inszenierte Gedankenverschmelzung. Wie „kleine Glühwürmchen“ fließen die Informationen. Tarima überzeugt Caleb, auf den Maschinenraum zuzugreifen, damit Kadett B’Avi den Singularitätsantrieb startet. Doch auf der Athena erkennt Genesis Lythe (Bella Shepard) ein getarntes Schiff. Der Hinterhalt schnappt zu. Die Nachricht von Braka an die Venari Ral ist so unterkühlt wie tödlich: „Sie haben den Köder geschluckt. Bon appétit.“ Die Sargasso wird außer Gefecht gesetzt; die Venari und die Furien stecken unter einer Decke.
Auf der Miyazaki kommt es zum Showdown. Die Furien brechen durch das Kraftfeld. S.A.M. bricht zusammen, die Kadetten sind fast unbewaffnet. In dieser Ausweglosigkeit reißt sich Tarima den Neuro-Inhibitor vom Hals und entfesselt ihre telekinetischen Kräfte. In einem letzten Akt der Tragödie opfert sich B’Avi für seinen einstigen Widersacher Caleb – ein Moment des puren Mitgefühls, und ich bin ergriffen, obwohl ich fast keine Charakterbindung zu B’Avi erfahren habe. In einer mystischen Szene nutzt Tarima ihre Macht und lässt die Köpfe der Furien explodieren. Hart, verstörend und erstklassig inszeniert.
Fazit: Das ist Star Trek!
Am Ende bleibt die verstörende Kälte des Verlusts. Die Gutmütigkeit der Föderation wurde schamlos ausgenutzt, Menschen auf J-19-Alpha starben für experimentelle Waffen. Wir erfahren, dass die USS Discovery weiterhin im Einsatz ist und nun Jagd auf Nus Braka machen soll. Nala Ake ist gebrochen – und ich bin es als Zuschauer auch ein Stück weit, da ich eine solche Wucht nicht habe kommen sehen.
Spitzenklasse!
Was ich heute gesehen habe, war ganz großes Kino. Diese Folge beweist, dass Star Trek erwachsen sein kann und trotzdem ein junges Publikum abholt. Dank Holly Hunter, Paul Giamatti und der talentierten Zoë Steiner war es eine schauspielerische Wucht. Thematisch stark, inszenatorisch herausragend durch Regisseur Larry Teng – für mich die bisher beste Folge der Staffel. Die Serie ist bei einer Reife und Ernsthaftigkeit angekommen, die zeigt, wie wichtig der Umgang mit Leben, Liebe und Tod im Star-Trek-Universum ist.
DAS IST STAR TREK!
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