Logbuch des Rezensenten: Star Trek: Strange New Worlds – Staffel 4, Episode 2: „Der Griffin-Vorfall“

Ein gewagter Auftakt im Horror-Gewand

Ein neuer Donnerstag bricht an und beschert uns einen weiteren mysteriösen Vorfall im unendlichen Universum von Strange New Worlds. Der altbekannte Pop-Klassiker „Hit Me Baby One More Time“ würde als Motto zwar erschreckend gut passen, aber ich eröffne diesen Bericht stattdessen lieber mit den dramatischen Worten: IT'S THRILLER TIME, BABY! 

In der Episode „Der Griffin-Vorfall“ steht von der ersten Minute an alles unter dem Stern des gepflegten Grusels. Das war im Vorfeld leider schon überdeutlich zu erahnen. Hach, könnt ihr euch eigentlich noch an jene nostalgischen Zeiten erinnern, in denen man voller freudiger Erwartung vor seinem Röhrenfernseher saß und gespannt darauf wartete, welches philosophische Abenteuer die nächste Folge Star Trek wohl bereithält? Diese Zeiten gehören heutzutage leider der Vergangenheit an. Dennoch gab es in meinen Überlegungen vor der Sichtung nur eine einzige logische Möglichkeit: Ich sagte mir selbst voraus, dass uns hier eine erwachsene Horror-Darstellung auf einem extrem hohen filmischen Niveau erwarten würde. Diese Gedanken entpuppten sich im Nachhinein wie mein persönliches „Die Geister, die ich rief“ und passten metaphorisch so perfekt zu dieser Episode, als würde das Universum die Drehbücher selbst schreiben.

© Paramount+

Das Notsignal im unerspürten Raum

Zu Beginn bekommen wir eine kleine Rückschau serviert, die dem Zuschauer sofort verdeutlicht, dass Kirk und La’an in diesem Abenteuer im Mittelpunkt des Geschehens stehen werden.

Danach zeigt sich die klassische Schönheit des Franchises: Ich sehe die leuchtenden Sterne und die unendlichen Weiten des Weltraums, unterbrochen von einem wunderschön gerenderten CGI-Shuttle. An Bord befinden sich Kirk, La’an und Spock auf einem kleinen Abstecher zu einem mysteriösen Signal in einer völlig unerforschten Region. Der intuitiv extrem starke Kirk kommentiert diese angespannte Lage in seinem Logbucheintrag wie folgt: „Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, hier völlig falsch zu sein.“ Und der gute Jim sollte mit dieser Vorahnung einmal mehr recht behalten!

Geisterstunde auf der U.S.S. Griffin

La’an zeigt sich zusehends genervt, woran Spock und ihre eigene vielschichtige Natur gleichermaßen die Verantwortung tragen. Das Shuttle stößt schließlich auf die seit nunmehr neun Jahren als verschollen geltende U.S.S. Griffin, die rein optisch baugleich mit der Enterprise ist. 300 Seelen an Bord sind seinerzeit spurlos verschwunden. Jegliche Theorie über eine gewaltsame Zerstörung des Schiffes wirkt in diesem Moment wie weggeblasen. Der düstere Ton für diese Episode ist damit sofort gesetzt. Was um alles in der Welt ist hier passiert? Das Trio will es unbedingt herausfinden und beamt sich hinüber – ausgerüstet mit schlichten LED-Taschenlampen! 

Der Grusel setzt bei mir augenblicklich ein. Es fühlt sich nach tiefem Unbehagen an, während mir gleichzeitig ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Ich denke mir nur: Na, das kann ja noch heiter werden! Die Griffin scheint auf den ersten Blick vollkommen unbemannt zu sein, doch dieser äußere Schein trügt gewaltig. Kirk hört plötzlich ein Baby weinen und die Atmosphäre wird immer düsterer, während die anderen beiden absolut gar nichts hören können.

Schatten an der Decke und unerklärliche Phänomene

Spock erklärt nach einigen ersten Scans stoisch, dass es auf dem Schiff sicher sei. Kirks feiner Instinkt versprüht jedoch das deutliche Signal, dass diese Einschätzung nicht ganz stimmen kann. Bereits kurze Zeit später durchqueren die drei die dunklen Korridore. Viele Zuschauer werden es beim ersten Ansehen wahrscheinlich übersehen haben, aber oben an der Decke bewegt sich tatsächlich eine Art Zombie! Die Gewissheit wächst in mir, dass dies ganz sicher nicht der einzige Schrecken bleiben wird.

Neben einer von Beginn an sehr gut inszenierten Horror-Atmosphäre kreuzen sich die Lichtstrahlen der Taschenlampen von La’an und Spock und bilden ein prägnantes X. In meinem Kopf rufe ich sofort nach Akte X – und dies sollte wahrlich nicht das letzte Mal an diesem Abend gewesen sein. La’an spricht in diesem Zusammenhang von der geheimnisvollen Abteilung 12 der Sternenflotte, die unerklärliche Phänomene untersucht. Mir wird klar, dass dies keineswegs zufällig erwähnt wird. Nein, Scully und Mulder tauchen leider nicht auf, so sehr man es sich auch wünschen würde!

Dafür taucht vor den dreien im Gang plötzlich eine Frau auf, die aussieht, als hätte sie schon deutlich bessere Tage gesehen. Aber immerhin ist eine staubige Uniform noch immer besser als gar keine Uniform. Horrortypisch verschwindet sie auch sogleich wieder, nachdem sie in Richtung La’an den mysteriösen Satz raunt: „Ich habe auf dich gewartet!“

Spock spricht wissenschaftlich von negativ geladenen Ionen, Kirk eher pragmatisch von Geistern – und beide treffen sich gedanklich irgendwo in der Mitte. Schließlich finden die drei eine fest verriegelte Tür mit deutlichen Spuren von Vulkaniern, Klingonen und anderen Spezies. Die Griffin hatte anscheinend extrem viele Besucher, nur ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen.

Alpträume auf der Krankenstation und tiefgründige Gespräche

Spock wird alleine in der düsteren Krankenstation zurückgelassen und soll dort die verbliebenen Logbücher prüfen. La’an macht sich derweil zusammen mit Kirk auf den Weg zur Brücke, um die scheinbar Überlebende ausfindig zu machen. Das gesamte Szenario sieht visuell aus wie der Beginn einer intensiven, psychedelischen Erfahrung. Spock bemerkt plötzlich einen von ganz alleine auf den Boden gefallenen Leichensack, auf dem ausgerechnet der Name „Lt. La’an“ steht. Das ist mehr als seltsam.

Kirk spricht unterdessen in den höchsten Tönen über seinen Sohn David und seine Ex-Partnerin Carol. Diese Dialoge wirken extrem stark auf mich. Die gebotenen Einblicke sind enorm wichtig, um noch mehr über Kirks Charakter und auch über La’an zu erfahren. Spock findet derweil heraus, dass die Mehrheit der Mannschaft ein unfassbar grausames sowie tödliches Schicksal ereilt hat. Nähere Details spare ich mir an dieser Stelle lieber.

Plötzlich wird Spock im Raum eingeschlossen und kann keinerlei Kontakt mehr zu La’an und Kirk herstellen. Dafür hat sich mal eben seine ehemalige Verlobte T’Pring im Raum materialisiert – direkt aus einem Leichensack heraus. T’Pring ist für mich übrigens einer der lustigsten vulkanischen Namen, die ich jemals gehört habe, und jedes Mal, wenn ich ihn höre, muss ich kurz schmunzeln. Ist das eine Halluzination? Zu 100 Prozent!

Fataler Entschluss und ein Detail für die Geschichtsbücher

Kirk und La’an erreichen schließlich die Brücke und stellen erschrocken fest, dass ihr Shuttle zerstört wurde. Die Lebenserhaltung reicht nur noch für knappe 20 Minuten und es könnte Tage dauern, bis das Langstrecken-Notsignal die Enterprise erreicht. Beide beschließen daraufhin das, was in sämtlichen Horror-Szenarien seit jeher die denkbar schlechteste Variante ist: Sie trennen sich! Kirk bleibt alleine auf der Brücke zurück, während La’an zurück in den Maschinenraum will, um dort zusammen mit Spock ihr Glück zu versuchen.

Allerdings fällt mir an dieser Stelle etwas sehr Seltsames auf: La’an betritt den Turbolift und müsste normalerweise aus einem reinen Automatismus heraus, der zu dieser Ära und auf Schiffsmodellen der Constitution-Klasse absolut üblich ist, den Turbolift-Griff drehen und gleichzeitig den Sprachbefehl geben (wie etwa „Deck 5“). Da sie sich jedoch einfach nur hineinstellt, wie man es erst ab den 2270er-Jahren kennt, deutet dies eindeutig auf einen Filmfehler hin. Der Zombie steckt hier eben im Detail!

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Zombie-Attacken und grausame Verstümmelung

La’an versucht im Maschinenraum ihr Bestes zu geben und bekommt kurzerhand im wahrsten Sinne des Wortes eine helfende – oder eher verrottete – Hand auf ihre Schulter gelegt: Es ist die Zombie-Hand des ehemaligen Kommandanten der Griffin namens Harper. Dieser Moment des leisen Heranschleichens hätte aus meiner Sicht allerdings noch deutlich verstörender inszeniert werden müssen, genauso wie der darauf folgende Schockmoment für La’an. Kurzerhand wird sie von sehr vielen Zombies umzingelt, die sie unbedingt zu einer der ihren machen wollen.

Die Geister-T’Pring schießt nach etwas logischem Hin und Her hinterrücks auf Spock, fesselt ihn fest an ein Bett und schneidet ihm in einer extrem verstörenden Szene die spitzen Enden seiner Ohren ab, um ihn endlich menschlicher zu machen. Das ist wirklich krank inszeniert – die FSK-16-Freigabe lässt hier herzlich grüßen!

Kirk leidet auf der Brücke ebenfalls unter immer schlimmeren Halluzinationen. Er sucht seinen Sohn verzweifelt in einer Computerkonsole. Währenddessen beamt sich scheinbar der Rest der Brückencrew zu Kirk auf die Griffin hinüber. Natürlich war mir sofort klar, dass das viel zu einfach ist. Dieses plötzliche Auftauchen ist sicher nur ein Teil der Halluzinationen – und genau das sollte es dann auch sein.

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Der Abgrund des Wahnsinns

Spock kann im allerletzten Moment von dieser Schein-Crew der Enterprise gerettet werden, gerade bevor T’Pring ihn noch weiter aufschneiden und sezieren kann. Es wird endgültig klar, dass jeder einzelne Besucher an Bord der Griffin das Opfer einer gefährlichen Manipulation wird, die auf die eine oder andere Weise direkt zum Tode führt. Kurzerhand wird Spock allerdings schon wieder auf die Krankenstation geschleift – jetzt von seinen scheinbaren Rettern Una und Pike, die ihrerseits wiederum nur Teil der grausamen Halluzinationen sind.

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Kirks Bruder Sam, der natürlich ebenso eine reine Halluzination ist, wird nach einem kurzen Dialog erst brutal an den brechenden Bildschirm der Hülle gezogen und danach direkt in den eiskalten Weltraum hinausgesaugt. Kirk kann sich gerade noch so retten und schreit in Richtung des Verlustes.

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Die Illusionen gipfeln nun in beispielloser Grausamkeit und absolutem Wahnsinn. La’an entfaltet ihr dunkelstes Inneres. Ein gefährlicher Teil ihres verborgenen Potenzials zum Bösen verleitet sie dazu, Kirk einen schweren Stich direkt in die Bauchregion zu verpassen, woraufhin dieser schmerzerfüllt zusammenbricht. Die große Frage, die sich dem Zuschauer in diesem Schockmoment stellt, lautet: Was davon passiert hier eigentlich wirklich?

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Die schmerzhafte Rückkehr zur Realität

Spock meditiert sich derweil mit einem tiefen vulkanischen Mantra erfolgreich zurück in die echte Wirklichkeit. Während Kirk auf dem Boden um sein pures Überleben kämpft, stellt La’an ihm die entscheidende Frage: „WARUM LÄSST DU NICHT LOS?“ Kirk antwortet völlig schmerzverzerrt nur ein einziges Wort: „DAVID!“

Beide werden genau in dieser dramatischen Sekunde, kurz vor dem finalen Todesstich, zurück auf die Enterprise gebeamt. Paul Wesley zeigt mir hier in dieser Szene am kühlen Boden des Transporterraums eindrucksvoll, dass er tatsächlich zu ganz großer schauspielerischer Leistung fähig ist. Er bekommt hier verdient 10 von 10 LLAP-Saluts von mir für diese grandiose Performance!

Pike und Una verharren in vollkommener Schockstarre in Anbetracht des Schreckensbildes, das sich ihnen auf der Plattform bietet. La’an bricht unter bitteren Tränen zusammen, als ihr schlagartig klar wird, zu was für einer Tat sie in ihrem Inneren tatsächlich imstande ist.

Ein düsteres Nachspiel

Die Griffin wird im Anschluss von der Sternenflotte zur geheimnisumwobenen Abteilung 12 geschleppt und Captain Pike legt den gesamten Fall endgültig zu den X-Akten. Alle Beteiligten haben glücklicherweise überlebt, was im Grunde von Anfang an klar war. Genauso vorhersehbar war allerdings auch, dass Spock durch diese Ereignisse scheinbar besonders stark traumatisiert wurde, genau wie Chapel.

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Am Ende bleibt bei mir die erschreckende Erkenntnis zurück, dass in der gesamten Folge letztlich ausschließlich ein einziges wahres Monster zu sehen war – und dieses trägt traurigerweise den Namen La’an.

Fazit und Gesamtwertung

Sehr gute Dialoge, gelungene Szenenwechsel und eine hervorragende darstellerische Leistung treffen hier auf eine exzellente Kameraführung und extrem treffsichere Schnitte, die das gesamte Bild dieser düsteren Erzählung perfekt abrunden.

Ja, wir sehen hier echten Horror. Ja, wir sehen hier zum größten Teil Akte X / „Die Geister, die ich rief“ (Staffel 6, Episode 6), aber das alles auf absolutem Kino-Niveau! Und das mit einem ganz entscheidenden Unterschied: Alles ist so unglaublich gut auf das etablierte Star Trek-Universum zugeschnitten (nein, das ist keine Anspielung auf die armen Ohren von Spock!) und in letzter Konsequenz so hervorragend zu Ende gebracht worden, dass man sich zu keiner Sekunde der Lächerlichkeit preisgibt. Stattdessen zeigt die Episode eindrucksvoll, dass man Horror so inszenieren kann, dass es am Ende extrem rund wirkt. Für mich persönlich hätte der Mittelteil der Episode zwar noch deutlich spannender und furchteinflößender gestaltet sein dürfen, aber gerade der Anfang und das fulminante Ende sind schlicht herausragend.

Genau deswegen muss diese Episode von mir auch eine 10/10 in der Gesamtwertung erhalten. Regisseurin Axelle Carolyn hat sich hier wahrlich nicht lumpen lassen.

Chapeau und Faszinierend!

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