Rezension: Star Trek: Starfleet Academy – Folge 5: „Series Acclimation Mil“

von charlyonthebridge 

Foto: Paramount+
Freunde, es ist schon wieder Donnerstag. Während Berlin sich anfühlt wie eine Außenmission auf Rura Penthe  sitze ich eingemummelt auf meinem Bett, Kopfhörer im Ohr, das Handy in der Hand – und ahne noch nicht, dass mich diese Folge emotional komplett auseinandernehmen wird.

Series Acclimation Mil“. Kurz: SAM. So heißt die zentrale photonische Kadettin, gespielt von Kerrice Brooks. Und was zunächst nach einer weiteren charmanten Academy-Episode klingt, entwickelt sich zu einer zutiefst persönlichen Reise über Identität, Glaube und Liebe.

SCHRÖDINGERS PROPHET

Im Zentrum steht die photonische Kadettin SAM (gespielt von der wunderbaren Kerrice Brooks). Mit einer kindlichen Neugier, die uns durch die Zeilen „A Story about Me“ direkt in ihre College-Welt zieht, versucht sie, die organischen Wesen zu verstehen. Wir erfahren, dass die Föderation in tausend Jahren 4.633 empfindungsfähigen Spezies begegnet ist – über 37 Trillionen Individuen. Und niemandem explodiert der Kopf. Star Trek eben.

Sam scheint es aber nur einmal zu geben. Klar, es existieren andere holographische Lebensformen, geprägt vom Doctor und anderen photonischen Existenzen. Aber Sam ist anders. Sie ist erst vor 217 Tagen in Existenz getreten und vom Planeten KASQ. Viele Kadetten haben Spitznamen für sie – ihr liebster: Königin Sam-Samolina von Samonita. Ich habe laut gelacht. Da merkt man, dass hinter den Kulissen jemand wie Lower-Decks-Legende Tawny Newsome im Writers’ Room sitzt und mit einem Augenzwinkern würzt.

SAM soll als „Abgesandte“ ihren Schöpfern das Leben der Organischen erklären. Und bei diesem Wort – Abgesandte – schlug mein DS9-Herz sofort schneller. Abgesandte. Emissary. Sisko.

Noch bevor die Folge begann, zeigte der Teaser Sams Wunsch, das Mysterium um Benjamin Sisko zu lösen. Was geschah wirklich mit ihm? Starb er in den Feuerhöhlen von Bajor? Oder stieg er tatsächlich zu den Propheten auf?
Als eingefleischter DS9-Fan – und für mich ist DS9 weit über Star Trek hinaus eine der komplexesten und besten Serien aller Zeiten – keimte sofort Hoffnung auf. Vielleicht ein Wiedersehen? Vielleicht mehr?

Zwischen Glitzer und Glaubensfragen

Sams Forschungen über organische Lebensformen bringen herrliche Details zutage. Darem Reymi (George Hawkins), ein Khionier, kotzt Glitzer, wenn ihm schlecht wird. Ich dachte mir nur: Wie schön wäre Berlin am Sonntagmorgen, wenn das in der S-Bahn Standard wäre.

Sam analysiert alles. Balzverhalten inklusive. Es ist witzig, manchmal bewusst albern, manchmal fast schon überdreht, aber zielt eindeutig auf die Jugend ab. Sam liebt Musik, vor allem das Theremin, diese schwebenden Klänge ohne Berührung. Für sie Inspiration. Für ihre Schöpfer reine Zeitverschwendung. Gefühle gelten als ineffizient, beinahe vulkanisch irrelevant.
Zwischendrin der typische Academy-Revierkampf mit dem Kriegscollege. Humor hier, Highschool-Drama da. Ich gebe zu: Nicht jede Szene zündet für mich gleich stark. Aber dann kippt die Stimmung.

Die Mysterien der Sternenflotte

Sam läuft an wunderschön gestalteten Panels vorbei, auf denen ungelöste Rätsel der Sternenflotten-Geschichte aufgelistet sind. Das Zeitportal aus „The City on the Edge of Forever“. Und dann: Benjamin Sisko.

In diesem Moment ändert sich alles.

Sam erkennt sich in ihm. Auch er war Abgesandter. Auch sein Weg war nicht vollständig selbstbestimmt. Und plötzlich taucht Professor Illa auf – gespielt von Tawny Newsome – mit einem trockenen: „Verrückte Geschichte, was?“

Eine Cardassianerin, erstaunlich weise, erstaunlich reflektiert. Ich dachte kurz: 800 Jahre Entwicklung können offenbar Wunder wirken.

Und dann wird die vierte Wand einfach durchbrochen.
Sam schaut direkt in die Kamera:
„Und da habe ich beschlossen, ich finde raus, was mit Benjamin Sisko passiert ist.“
Unterlegt mit DS9-Musik.
Ich saß da und dachte nur: Lasset die Spiele beginnen.

Geschichtsstunde mit Herz

Sam erklärt ihren Mitkadetten das Sisko-Mysterium. Kindlich, fast bilderbuchartig. Für Jüngere, die DS9 nie gesehen haben, funktioniert das wunderbar. Für uns alte Hasen schwingt Nostalgie mit.
Spekulationen brechen los. Caleb meint nüchtern, Sisko sei wahrscheinlich tot – und die Bajoraner würden es niemals zugeben. Religiöse Überzeugung, 800 Jahre später noch genauso stark. Der Bajor-Club auf der Academy wirkt, als hätte sich dort in acht Jahrhunderten nichts verändert. Und genau das hat mich fast am meisten überrascht.

Das Sisko-Museum

Als Nahla Ake vorschlägt, das Sisko-Museum in New Orleans zu besuchen – auch virtuell verfügbar –, schossen mir plötzlich Tränen in die Augen. Warum genau, kann ich nicht sagen. Vielleicht, weil allein die Existenz dieses Museums eine Liebeserklärung an DS9 ist.
Ja, es wird ein zweiter Handlungsstrang geöffnet, der für mich etwas aus dem Kontext gerissen wirkt. Ich blende ihn hier bewusst aus. Diese Rezension gehört Sisko.

O Captain! My Captain!

Sam betritt das virtuelle Museum wie ein Fan auf einer Convention. Informationen, Exponate, eine originale DS9-Uniform. Als sie die Worte „Der Auserwählte“ ausspricht, hatte ich Gänsehaut am ganzen Körper.
Wir sehen unterschiedlichste Gegenstände, die sinnbildlich für das Leben des Propheten stehen: den Drehkörper, den Baseball. Symbole für Siskos Leidenschaft. Für seine Menschlichkeit.
Sam öffnet den virtuellen Drehkörper und spricht einen Monolog an Benjamin Sisko. Als Propheten. Als Figur zwischen Mythos und Mensch. Und ich weine wieder, als sie sagt: „O Captain! My Captain!“

Doch dann kommt der Moment, der mich endgültig erwischt.
Sam begibt sich an eine virtuelle Wand, auf der ein komplexer Stammbaum der Siskos auftaucht, und tippt auf den Namen Jake Sisko und einen hinterlegten Holo-Eintrag. Meine Augen wurden größer und mein Puls schneller.
Und plötzlich materialisiert sich hinter ihr die holographische Aufzeichnung von JakeCirroc Lofton selbst.
Ich durfte ihn persönlich kennenlernen. Ein absolut sympathischer Ehrenmann. Und hier steht er wieder als Jake. Würdevoll. Warm. Echt. Meine Tränendrüsen hatten keine Chance.

Die Früchte der Liebe (und der Cardassianer)

Wenn unsere Entscheidungen bestimmen, was wir sind – was bestimmt dann unsere Entscheidungen?
Diese Frage hängt im Raum.

Professor Illa bringt es genauso auf den Punkt, während sie mit einer Tomate in der Hand brilliert, und in meinem Kopf formt sich der Satz:
„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

Nicht nur Tomaten. Nicht nur Baseball. Nicht nur Heldentaten. Sondern die Absicht dahinter. Denn der erste Dominostein, der fällt, wird entweder durch Hass oder durch Liebe angestoßen.

Sam, die selbst nichts schmecken kann, kocht für andere. Rezepte aus Siskos Restaurantdatenbank. Wir erfahren kleine Wissensperlen über den klingonischen Ursprung von Raktajino oder vom bajoranischen Wort für Vater: „Anslem“!

Die Kadetten landen schließlich in einer futuristischen Bar. Es wird getrunken. Geküsst. Geschlagen. Sam wird digital betrunken gemacht und schlägt einen Kadetten des anderen Lagers – eine charmante Hommage an Siskos legendären Schlag gegen Q.

Nicht jede Szene ist mein Highlight, aber sie setzen einen Kontrast. Tiefe braucht manchmal Leichtigkeit.

Der Doc und die Verluste

Der MHN der Voyager behandelt die Kadetten. In einem kurzen Moment wird klar, dass auch er mit dem Verlust seiner Crew kämpft. Er überspielt es. Aber man sieht es. Ich hoffe, Folge 6 greift das auf.

Das Buch

Sam glaubt zunächst, der Weg eines Abgesandten sei ein Fluch und dass Fremdbestimmung unweigerlich dazugehört. Scheitern vorprogrammiert.
Dann zieht Professor Illa ein uraltes, unveröffentlichtes Buch hervor. Geschrieben von Jake Sisko über seinen Vater.

Und wieder erscheint Jake. Diesmal in Sams Geist. Die Worte des Buches bekommen Leben, Würde, Tiefe und vor allem Menschlichkeit durch seine Anwesenheit.

Benjamin Sisko hat durch sein Wirken Milliarden von Leben gerettet.
Und die Botschaft ist plötzlich ganz klar:

Du bist genug!

Als Sam das Buch zurückgibt, streicht sich Professor Illa durchs Haar – und wir sehen es: die typischen Trill-Merkmale. Ja, sie ist tatsächlich Illa Dax und damit eine Nachfolgerin dieser legendären Linie. Gänsehaut.

Am Ende wird klar, worum es wirklich geht. Nicht um Theorien. Nicht um historische Fakten. Nicht um religiöse Beweisführung.

Es geht um Liebe.

Und dann hören wir ihn. Avery Brooks. Als Voice-over.

„Göttliche Gesetze sind simpler als die menschlichen. Darum brauchen wir auch eine ganze Lebensspanne, um sie zu verstehen. Nur die Liebe kann sie verstehen. Nur die Liebe kann diese Worte so interpretieren, wie sie gemeint sind.“

Ich saß da. Und weinte.

Fazit

Ich weine, und das ist auch gut so. Diese Folge ist imperfekt, mutig und unendlich tiefgründig. Sie verbindet die Unbeschwertheit einer neuen Generation mit der emotionalen Wucht der Vergangenheit.

Danke, Cirroc. Danke, Avery.
Mögen die Propheten auf ewig mit euch sein.
Liebt lang und in Frieden.


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