„Vox in Excelso“ – eine Folge, die mich erwischt hat und dieses leise Nachdenken danach
Zweitrezension zu „Vox in Excelso“
Warum ich mich nun trotzdem hinsetze und ein paar Zeilen zur vierten Episode „Vox in Excelso“ von Star Trek: Starfleet Academy schreibe, obwohl charlyonthebridge seine Gedanken dazu bereits vorbildlich formuliert hat, liegt schlicht daran, dass diese Folge etwas mit mir gemacht hat. Sie hat etwas in mir ausgelöst, das ich zuletzt bei Strange New Worlds in der Episode „Ad astra per aspera“ gespürt habe. Ohne charly zu wiederholen oder zu tief in die Handlung einzusteigen, möchte ich versuchen, meine Gedanken und Gefühle einigermaßen geordnet darzustellen. Wie gesagt: Ich bin kein klassischer Rezensent.
| Foto: Paramount+ |
Eine Metapher für das Menschsein
Diese Episode erzählt keine große Geschichte über eine äußere Bedrohung, keine neuen Aliens und keine mysteriösen Planeten. Stattdessen geht es um etwas sehr viel Intimeres: um das Gefühl, anders zu sein und um die Angst, dafür nicht akzeptiert zu werden. Im Zentrum steht ein innerer Konflikt, der sich erstaunlich leicht auf reale Erfahrungen übertragen lässt.
Für mich wirkte die Folge stellenweise wie eine Metapher für ein Coming out. Nicht laut, nicht plakativ, sondern leise, vorsichtig und gerade deshalb so ehrlich. Es geht um das Ringen mit der eigenen Identität, um den Wunsch dazuzugehören und gleichzeitig um die Sorge, genau dafür abgelehnt zu werden, wenn man zeigt, wer man wirklich ist. Dieses Spannungsfeld ist nichts Abstraktes. Es ist zutiefst menschlich.
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Gerade die Akademie als Schauplatz verstärkt diesen Eindruck. Sie steht für Anpassung, Erwartungshaltungen und unausgesprochene Regeln. Wer hier nicht ins Raster passt, merkt sehr schnell, wie schmal der Grat zwischen Akzeptanz und Ausgrenzung sein kann. Die Episode zeigt eindrucksvoll, wie verletzend es sein kann, sich ständig erklären zu müssen, während andere nie infrage gestellt werden. Ablehnung kommt hier nicht immer offen oder böswillig daher. Oft äußert sie sich leise durch Zweifel, Zurückhaltung oder gut gemeinte Ratschläge, die sich trotzdem falsch anfühlen.
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Jay Den Kraag: Ein Spiegel alter Gefühle
Was diese Folge für mich besonders stark macht, ist ein Gefühl, das ich eigentlich längst abgelegt glaubte: das Gefühl, nicht dazuzugehören. Ich habe mich überraschend intensiv mit Jay Den Kraag identifizieren können. Dieses innere Ringen und die Angst, dass Offenheit zum Ausschluss führen könnte, waren für mich greifbar. Manche Dinge holen einen eben immer wieder ein, egal wie sehr man glaubt, sie längst hinter sich gelassen zu haben.
Ich fühlte jede Szene mit Jay Den sei es der Rückblick auf die Zeit vor der Academy oder seine Redeangst. Letztere steht hier oft stellvertretend für tieferliegende soziale Ängste: die Furcht vor Bewertung, Blamage oder Versagen. Es ist eine Form der Unsicherheit, die hier meisterhaft erzählt wird. Wir erhalten einen tiefen Einblick in Jay Dens Inneres, und ich schäme mich nicht zu sagen: Ich hatte feuchte Augen. Sogar beim zweiten Mal Schauen. Ich liebe es, wenn Star Trek genau das schafft.
Zwischen Tradition und Internet Explosion
Ich bin mit TOS ins Franchise eingestiegen. Ich war dabei, als die ersten TNG Hater laut wurden. Ich habe miterlebt, wie DS9, Voyager und Enterprise Hass und Häme abbekamen, teilweise noch per Leserbrief. Ja, so alt bin ich schon. Aber um es mit Kirks Worten zu sagen: „I feel young.“ Jung und offen genug, um mich über neues Star Trek im Kino und im Fernsehen zu freuen.
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Rotes Blut bei Klingonen? Mir egal. Star Trek VI zeigte uns violettes Blut aus rein pragmatischen Gründen der Altersfreigabe. In frühen TNG Folgen war es wieder rot. Geschenkt. Vielleicht ist es einfach etwas, über das Klingonen mit Außenstehenden nicht sprechen, genau wie über ihre wechselnden Stirnhöcker. Damit kann ich leben.
Der weinende Klingone: Ein unnötiges Risiko
Schwieriger finde ich die Entscheidung, einen weinenden Klingonen zu zeigen. Spock sagte in Star Trek VI explizit, Klingonen besäßen keine Tränenkanäle. Dieser Canon Fakt ist mir persönlich zwar nicht heilig, aber die Unachtsamkeit stört mich dennoch. Nicht, weil ich die Szene inhaltlich ablehne. Im Gegenteil: Sie hat mich so unglaublich berührt, dass ich Mühe hatte, die eigenen Tränen zu unterdrücken.
Die Emotion der Szene war so stark, dass sie den Logikfehler für mich fast nebensächlich macht. Ich konnte mich in diesem Moment einfach zu sehr mit der Figur identifizieren. Und wenn eine Serie es schafft, dass mir die Tränen eines Klingonen nähergehen als die biologische Korrektheit seiner Tränenkanäle, dann hat sie verdammt viel richtig gemacht.
Was mich allerdings ärgert, ist das Wissen um die Angriffsfläche. Ich sehe die Kommentare schon vor mir: „Die kennen ihr eigenes Star Trek nicht.“ Hier hätte ich mir mehr Sorgfalt gewünscht, um einen emotional so starken Moment vor unnötiger Häme zu schützen.
Lichtblicke und Marschmelonen
Am Ende überwiegt für mich mit Abstand das Positive. Besonders gelungen fand ich die Einbettung des Konflikts in den Debattierclub. Hier werden moralische und politische Fragen zwischen den Kulturen diskutiert, klassisches, denkendes Star Trek. Besonders der Doctor brilliert hier: ruhig, eloquent und spitzfindig. Er bringt Humor und intellektuelle Schärfe in die Folge.
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Fazit
Diese Episode ist ruhig, nachdenklich und emotional. Sie erzählt keine perfekte Geschichte, aber eine ehrliche über Zugehörigkeit, Identität und den Mut, man selbst zu bleiben. Star Trek war für mich immer dann am stärksten, wenn es uns nicht nur Fakten erklärt, sondern uns etwas fühlen lässt. Und genau das gelingt hier auf bemerkenswerte Weise.
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