Den Kurs setzen – ein Vorwort zu Star Trek: Starfleet Academy

von Charlyonthebridge

In wenigen Tagen ist es so weit. Am 15. Januar startet Star Trek: Starfleet Academy exklusiv auf Paramount+. Bis zum 12. März erwartet uns wöchentlich eine neue Episode. Allein diese Ankündigung hat bereits hohe Wellen geschlagen: Begeisterung, Skepsis, Vorfreude, Ablehnung – alles ist dabei. Und genau deshalb lohnt es sich, vor den eigentlichen Reviews kurz innezuhalten und den Ton zu setzen.

Foto: Paramount+


Die Idee einer Serie rund um die Sternenflottenakademie ist alles andere als neu. Sie begleitet das Franchise seit Jahrzehnten. Sie hätte zu fast jeder Zeitlinie gepasst, zu jeder Ära, zu jedem Tonfall von Star Trek. Umso berechtigter war die Frage vieler Fans: Warum jetzt? Warum nach Picard Staffel 3, als viele auf Star Trek: Legacy gehofft hatten? Und warum ausgerechnet das 32. Jahrhundert?

Die ehrliche Antwort ist überraschend einfach. Zeit ist im Storytelling von Star Trek nie nur Kulisse, sondern Werkzeug. Und wer aus der Vergangenheit gelernt hat, weiß, wie leicht Fehler passieren können, wenn man sich in einer Ära bewegt, die Fans bis ins Detail kennen. Das 32. Jahrhundert, geprägt von Discovery und dem Burn, ist dagegen offener Raum. Ein Kapitel, das noch nicht vollgeschrieben ist. Genau hier haben die Autorinnen und Autoren die Freiheit, neue Figuren, neue Konflikte und neue Perspektiven zu entwickeln, ohne ständig mit Erwartungshaltungen aus Jahrzehnten konkurrieren zu müssen. Natürlich nicht ohne bekannte Konzepte und Fanservice – Star Trek wäre sonst nicht Star Trek.

Trotzdem wurde bereits im Vorfeld vieles zerrissen. Ohne auch nur eine einzige vollständige Folge gesehen zu haben. Trailer, Teaser und einzelne Pressebilder reichten aus, um in sozialen Medien Urteile zu fällen. Selbst der Auftritt von Robert Picardo, der mit 72 Jahren noch einmal den Doktor verkörpert – ein nun über 800 Jahre altes MHN –, konnte daran wenig ändern. Dabei ist allein seine Rückkehr ein leiser Gruß an die Vergangenheit und ein Versprechen an die Zukunft.

Versteht mich nicht falsch: Meinungsfreiheit ist essenziell. Kritik gehört zu Star Trek wie der Warp-Antrieb. Aber es gibt einen Unterschied zwischen kritischem Denken und reflexartigem Ablehnen. Zwischen Meinung und Vorverurteilung. Jede Star-Trek-Serie war anders. Deep Space Nine wurde zu Beginn heftig kritisiert, weil es angeblich zu düster, zu politisch, zu wenig klassisch sei. Heute gilt es für viele als eine der stärksten Serien des gesamten Franchise. Zeit verändert Perspektiven. Und manchmal braucht es genau diese Zeit.

Was wir dabei oft vergessen: Nicht nur wir verändern uns, sondern auch die Art, wie Serien entstehen und konsumiert werden. Die 90er waren eine andere Welt. 20 oder 26 Episoden pro Staffel, lange Erzählbögen, mehr Raum zum Experimentieren. Feedback kam langsam, verzögert, gefiltert. Heute ist alles sofort. Jede Szene wird analysiert, jedes Detail seziert – oft bevor eine Geschichte überhaupt atmen darf. Die lautesten Stimmen setzen sich durch, nicht unbedingt die reflektiertesten.

Hier stellt sich eine unbequeme, aber wichtige Frage: Wie viel von dem, was wir sehen, sagt eigentlich mehr über uns aus als über die Serie selbst? Natürlich müssen Fans Kritik äußern. Discovery und Picard haben gezeigt, wie wichtig Rückmeldungen sind, um Kurskorrekturen vorzunehmen. Aber Kritik sollte ein Dialog sein, kein Abrisskommando.

Man darf auch nicht unterschätzen, wie schmal der Grat ist, auf dem moderne Star-Trek-Produktionen wandeln. Einerseits sollen langjährige Fans sich wiederfinden. Andererseits muss die Serie zugänglich genug sein, um neue Zuschauerinnen und Zuschauer mitzunehmen. Ein Franchise kann nur überleben, wenn es wächst. Star Trek war nie ein Museum. Es war immer ein Versprechen an die Zukunft. Oder wie Captain Kirk es einmal formulierte:
„Risk is our business.“

Gerade deshalb verdient auch der Produktionsaufwand Anerkennung. Für Starfleet Academy wurde in den Pinewood Toronto Studios das größte Set gebaut, das es je für eine Star-Trek-Serie gab. Das Atrium der Akademie umfasst fast 4.300 Quadratmeter und füllt den größten Soundstage Kanadas. In einer Zeit, in der vieles digital gelöst wird, ist das ein klares Bekenntnis zu echter Welt, zu Präsenz, zu Atmosphäre. Auch das ist Star Trek.

Und ja, nicht alles muss sofort Sinn ergeben. Star Trek war nie perfekt. Es war manchmal widersprüchlich, manchmal naiv, manchmal seiner Zeit voraus und manchmal hinter ihr zurück. Aber es war immer mutig. Und es hatte immer ein moralisches Zentrum. Starfleet Academy stellt uns dabei vielleicht noch stärker auf die Probe als Discovery. Denn im Kern geht es um das, was Star Trek seit jeher ausmacht: Toleranz, Akzeptanz, Vielfalt und Inklusion.

Oder um es mit Spock zu sagen:
„Infinite Diversity in Infinite Combinations“

Gegen diese Werte zu sein, heißt, am Kern von Star Trek vorbeizusehen. Hoffnung, Menschlichkeit, Neugier und Selbstironie gehören genauso dazu wie Phaser und Sternenschiffe. Das bedeutet nicht, dass man alles mögen muss. Niemand ist verpflichtet, jede Serie zu schauen oder gut zu finden. Aber anderen die Freude daran abzusprechen, ist keine Kritik. Es bringt uns nicht weiter.

Wer lieber die klassischen Serien schaut, soll das tun. Und das ist völlig in Ordnung. Aber Hass, Dauerempörung und Boykottaufrufe haben Star Trek noch nie vorangebracht. Denn wie Jean-Luc Picard so treffend sagte:
„Starfleet was founded to seek out new life. Well, there it sits!“
The Measure of a Man (TNG)

Star Trek war immer ein Spiegel seiner Zeit. Und vielleicht ist Starfleet Academy genau das, was wir gerade brauchen: eine Serie, die fragt, wer wir sein wollen – nicht, wer wir einmal waren.

In diesem Sinne: Lassen wir der Serie die Chance, ihre Geschichte zu erzählen. Hören wir zu. Diskutieren wir. Und behalten wir im Blick, was uns alle überhaupt hierhergebracht hat.

Live long and prosper.



Setting the Course – a Foreword to Star Trek: Starfleet Academy

It’s just a few days away. Star Trek: Starfleet Academy launches exclusively on Paramount+ on January 15. A new episode will be released every week until March 12. This announcement alone has already caused quite a stir: enthusiasm, skepticism, anticipation, rejection — it’s all there. And that’s exactly why it’s worth pausing for a moment before the actual reviews and setting the tone.

The idea of a series about Starfleet Academy is anything but new. It has been part of the franchise for decades. It would have fit into almost any timeline, any era, any tone of Star Trek. This made the question asked by many fans all the more justified: Why now? Why after Picard Season 3, when many had hoped for Star Trek: Legacy? And why the 32nd century of all places?

The honest answer is surprisingly simple. In Star Trek storytelling, time is never just a backdrop, but a tool. And anyone who has learned from the past knows how easy it is to make mistakes when dealing with an era that fans know in detail. The 32nd century, shaped by Discovery and the Burn, is, on the other hand, open space — a chapter that has not yet been fully written. This is precisely where the writers have the freedom to develop new characters, new conflicts, and new perspectives without constantly having to compete with decades of expectations. Of course, not without familiar concepts and fan service — otherwise, Star Trek wouldn’t be Star Trek.

Nevertheless, much was torn apart in advance, without even seeing a single complete episode. Trailers, teasers, and individual press photos were enough to pass judgment on social media. Even the appearance of Robert Picardo, who at 72 years old once again embodies the Doctor — now an over 800-year-old MHN — could do little to change that. Yet his return alone is a quiet nod to the past and a promise for the future.

Don’t get me wrong: freedom of expression is essential. Criticism is as much a part of Star Trek as warp drive. But there is a difference between critical thinking and reflexive rejection, between opinion and prejudice. Every Star Trek series was different. Deep Space Nine was heavily criticized at the beginning for being too dark, too political, and not classic enough. Today, many consider it one of the strongest series in the entire franchise. Time changes perspectives. And sometimes it takes exactly that time.

What we often forget is that it’s not just us who change, but also the way series are created and consumed. The 1990s were a different world: 20 or 26 episodes per season, long story arcs, more room for experimentation. Feedback was slow, delayed, filtered. Today, everything is immediate. Every scene is analyzed, every detail dissected — often before a story is even allowed to breathe. The loudest voices prevail, not necessarily the most thoughtful ones.

This raises an uncomfortable but important question: how much of what we see actually says more about us than about the series itself? Of course, fans need to express criticism. Discovery and Picard have shown how important feedback is for making course corrections. But criticism should be a dialogue, not a demolition squad.

One should also not underestimate how narrow the line is that modern Star Trek productions walk. On the one hand, long-time fans should be able to recognize themselves in the series. On the other hand, the series must be accessible enough to attract new viewers. A franchise can only survive if it grows. Star Trek was never a museum. It has always been a promise to the future. Or, as Captain Kirk once put it:
“Risk is our business.”

That is precisely why the production effort deserves recognition. The largest set ever built for a Star Trek series was constructed at the Pinewood Toronto Studios for Starfleet Academy. The academy’s atrium covers almost 4,300 square meters and fills Canada’s largest soundstage. At a time when so much is done digitally, this is a clear commitment to the real world — to presence, to atmosphere. That, too, is Star Trek.

And yes, not everything has to make sense right away. Star Trek was never perfect. It was sometimes contradictory, sometimes naive, sometimes ahead of its time, and sometimes behind it. But it was always courageous. And it always had a moral center. Starfleet Academy perhaps tests us even more than Discovery. Because at its core, it’s about what Star Trek has always been about: tolerance, acceptance, diversity, and inclusion.

Or, as Spock would say:
“Infinite Diversity in Infinite Combinations
.”

To be against these values is to overlook the core of Star Trek. Hope, humanity, curiosity, and self-irony are just as much a part of it as phasers and starships. That doesn’t mean you have to like everything. No one is obligated to watch every series or like it. But denying others the joy of it is not criticism. It doesn’t get us anywhere.

Those who prefer to watch the classic series should do so — and that’s perfectly fine. But hatred, constant outrage, and calls for boycotts have never advanced Star Trek. Because, as Jean-Luc Picard so aptly put it:
“Starfleet was founded to seek out new life. Well, there it sits!”
The Measure of a Man (TNG)

Star Trek has always been a mirror of its time. And maybe Starfleet Academy is exactly what we need right now — a series that asks who we want to be, not who we once were.

With that in mind, let’s give the series a chance to tell its story. Let’s listen. Let’s discuss. And let’s keep in mind what brought us all here in the first place.

Live long and prosper.

Kommentare

  1. Hey Charly, für deine Begeisterung in Sachen Star Trek kann ich vor dir nur den Hut ziehen. Ganz ehrlich, du brennst für das Thema. Und da verstehe ich auch jede Emotion und respektiere deine Meinung. Ich habe aber eine andere Meinung, wenn es um diese neue Serie geht. Und die darf man auch haben, ohne wenn und aber. Und das sprichst du den Skeptikern in deinem Essay ab. Skepsis ist in meinen Augen absolut erlaubt, denn die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass es (für mich) viel zu kritisieren gab, im Star Trek Universum. Star Trek Discovery, Star Trek Picard (in Großteilen) und Section 31 war für
    mich leider kein gutes Star Trek. Obwohl ich jedes Mal voller Hoffnung war. Und dann darf man auch mal skeptisch sein, was eine neue Serie angeht. Gerade wenn das Netz von Lobhudeleien geflutet wird, von Leuten, die die Serie schon sehen durften… Bisschen unfair, den Skeptikern vorzuwerfen, dass sie sich in die Diskussion einbringen, nur weil sie die Serie noch nicht gesehen haben. Die Pre-Screener die das nicht aushalten könnten ja mit dem veröffentlichen ihrer Kritik auch warten, bis alle Zugang haben und mitreden können. Wir werden sehen. Ich bin gespannt, trotz allem. 😉🖖

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